Mittwoch, 1. Februar 2012

STÜCKE ZU MÜLLERS "BILDBESCHREIBUNG" – anlässlich der Produktion der Gruppe friendly fire – von Marcus Quent

(Anmerkung: Wir freuen uns an dieser Stelle Marcus Quents Text anlässlich unserer Produktion in voller Länge veröffentlichen zu können. - friendly fire)

 I.     sich verlieren

Die Rede von einem Sich-Verlieren in literarischen Texten als Beschreibung einer Lektüreerfahrung erweist sich mithin als ein Gemeinplatz journalistischer Tageskritik, als abgegriffene Metapher aus der Rumpelkiste feuilletonistischer Qualitätsurteile. Die Lektüre der BILDBESCHREIBUNG jedoch ist in mehrfachem Sinne von einem Verloren-Gehen gekennzeichnet, das seinen Platz nicht im Rahmen derartiger Qualitätsurteile hat.
Eindrücklich im Gedächtnis bleibt wohl jeder Leserin und jedem Leser die Erfahrung, den roten Faden in dieser schier endlosen Kette von Halb- und Nebensätzen, diesen geschossartigen Ein- und Nachschüben zu verlieren. Was und wo ist hier überhaupt ein roter Faden, mag man fragen. Dieses beständige Greifen nach einem erhofften Faden und seine Wiederaufnahmeversuche markieren das Stocken, das Innehalten, das Vor und Zurück dieser Lektüre: ein Wiederlesen einzelner Passagen, das in ein regelrechtes Oszillieren zwischen Bedeutungsoptionen mündet. Bedeutungsoptionen, die der Text durch die vielfältigen Möglichkeiten, einzelne Wörter und Abschnitte zu verknüpfen, anbietet. Die zunehmende Erschöpfung während dieses Nachvollzugs eines geschilderten Bildinhalts, dem Versuch dasjenige Bild zu imaginieren, das in der verschachtelten Beschreibungen aufscheint, weicht etwas anderem: Mehr und mehr tritt ein Mitvollzug der Beschreibung, ein Interesse an der Praxis der Beschreibung und Darstellung selbst an dessen Stelle. Verbunden damit ist die Ahnung, dass diese vielfältigen Weisen des Verloren-Gehens Teil des Spiels sind: nicht Mangelerfahrung einer verlustig gegangenen Sicherheit der Lektüre, sondern als Verweis auf die vorgängige Disposition jeder Interpretationsleistung.
Nun ist Müllers Text nicht (nur) ein Text über den Prozess der Lektüre oder über die Wahrnehmungssituation von Lesenden/Betrachtenden. Wie vielleicht wenig andere Texte ist BILDBESCHREIBUNG immer nicht nur ein Text über X oder Y. Jedoch sollte man nicht glauben, angesichts der explosiven Wucht von Fragen bezüglich Form und Darstellung, welche der Text aufreißt, gäbe es eigentlich keinen wirklichen Inhalt. Im besten Falle erweisen sich beide Perspektiven als miteinander verwoben und potenzieren sich. Meine Lektüreerfahrung eines produktiven Verloren-Gehens hat nicht zuletzt auch Statt inmitten der unterschiedlichen Themenfelder, die sich im Textauffinden lassen und die je auf ihre Weise zu einem Verlust einladen.

II.     Geschichte, Felder

Eine Geschichte zwischen Mann, Frau und einem Vogel – als ein Kreislauf von Natur, Gewalt und Verdrängung: Blutpfade des abendländischen Subjekts als Zeugnisse des Unrechts gegenüber dem Anderen. Das Betrachter-Subjekt der Beschreibung zweifelt, wie diese Momentaufnahme genau auszudeuten sei. Was ist hier passiert? Was wird geschehen? Variationen einer immer (noch) gleichen Geschichte zwischen Mann und Frau (sexueller Akt vom Mord nicht zu unterscheiden), gefolgt von apokalyptischen Visionen des Aus- und Abbruchs: Wird der Vogel IHM den Schädel einschlagen? Wird SIE ihre Wiedergänger-Gestalt (Alkestis) abstreifen und sich in eine Rachegöttin verwandeln? Werden die vergessenen, im Erdinneren wandernden TOTEN den Tag ihrer Auferstehung feiern? All diese Visionen verbleiben im Kreislauf von Natur/Gewalt...
Darin: Ortlosigkeit der Gegenwart. Sich verlieren in einer unheilvollen Landschaft (Kulisse?), in welche die Spuren sich unablässig perpetuierender Gewalt eingeschrieben sind – einer vernarbten Landschaft, deren Narben zugleich immer wieder aufgerissen werden. In diesen Strudel hinein gesogen, reduziert sich die Erfahrung des „eigenen“ Ichs auf die unermessliche Schuldigkeit eines gegenwärtigen Lebens, das erbaut wurde auf dem Berg von Toten. Beständig (aus)gebaut wird. Sedimente ungelöster Konflikte, abgebrochene Geschichte. Verloren in der Toten-Landschaft der Lebenden.
Ausbruchsversuche scheitern. Am Ende: ein Subjekt, das sich in den Bildern verliert, welche die zwanghafte Beschreibung, die beständige Übermalung produzierte, und dessen Eigenheit ins Schwanken gerät zwischen den Figuren. (Ist es gerade das betrachtende (das schreibende, das lesende) Subjekt, das den Gewaltzusammenhang des Bildes als endlose Wiederkehr, als Geschlossenheit aufrechterhält und reproduziert?)

III.     „gesucht: die Lücke im Ablauf“

„In meiner BILDBESCHREIBUNG spreche ich von der Zeichnung einer Studentin in Sofia, die in ihrem ersten Semester war. Sie zeichnete noch amateurhaft, sie konnte nicht schraffieren, sie konnte keine Wolken zeichnen, und dadurch war vieles irgendwie falsch in dem Bild. Es war keine Kunstabsicht, keine Intention, wenn sie schlecht schraffiert oder die Wolken nicht gekennzeichnet hatte. Sie wollte sie richtig machen. Natürlich entstanden durch diese mangelnde Perfektion Räume, die mit perfekter Zeichnung oder Malerei zugedeckt worden wären. Da waren Risse in der Abbildung, durch die ein Aspekt von dem Abgebildeten durchkam, der sonst nicht sichtbar geworden wäre, der sonst zugedeckt worden wäre. Ich habe dann einfach angefangen, das Bild – so wie es war – zu beschreiben, und an den Stellen, wo diese schlechte Schraffur und die diffusen Wolken waren, ergab sich dann die Möglichkeit, sich etwas anderes zu denken.“

Müller selbst ruft in dieser Bemerkung zur Entstehung des Textes die Löchrigkeit der Darstellung auf den Plan, welche weiter gedacht als unüberwindbares Missverhältnis zwischen (Bild-)Inhalt und (Bild-)Beschreibung zum quasi-konfliktuösen Schauplatz des Textes wird. In diesem agonalen Feld ohne personage wird der identifizierende Blick des logos, der gewaltvoll zu-richtende Blick instrumenteller Vernunft zum unheilvollen Auslöser der „abgestorbenen dramatischen Struktur“. Viele Kommentatoren haben Müllers Text in diese Richtung gedeutet, als ein „Drama zwischen zwei Blicken“ (Lehmann), indem letztlich nach einem anderen Sehen gesucht wird: einem Blickmodus des Blinzelns, das dem Identitätsprinzip bürgerlicher Subjektivität zu entrinnen versucht, dem Nicht-Identischen (Adorno) gerecht wird.
Gesucht wird „die Lücke im Ablauf“ des täglichen Mordes, „der vielleicht erlösende FEHLER“. Zerstreuter Blick des Mörders, das Lachen der Frau, der Sturzflug des Vogels – all diese Versuche spielt der Text mit seinen „Versuchstieren“ durch – doch sind auch sie eben nur „vielleicht“ erlösend, bloße Hoffnungen auf Unterbrechung des Bild-Kreislaufs. (Gehört vielleicht dies alles selbst zum Plan? Bestätigt die Unterbrechung letztlich das System? Ist das spekulierende, hoffende Subjekt dieser Überlegung gar selbst nur fremdgesteuerte Apparatur eines nicht-eigenen Blicks?)
An diesem „Endpunkt oder Nullpunkt“ von Müllers experimentellem Schreiben, wie er den Text der BILDBESCHREIBUNG selbst charakterisierte, fühlt man sich endlos verloren: zerteilt zwischen Bildentwürfen, deren Charakter weder eindeutig utopisch noch dystopisch ist – weil sich Grenzen verwischen, Handlungszusammenhänge abreißen und das Subjekt den Boden verliert.

IV. Szene des Kollektivs

Wird Müllers BILDBESCHREIBUNG, als ein Text, der explizit für das Theater geschrieben wurde, Gegenstand der Inszenierung, tritt eine Problematik in den Vordergrund, die – wenn auch selbst Gegenstand des Textes – bisher merklich vernachlässigt wurde.
Das Text-Ich zerstreut sich auf eine Gruppe von Akteuren, die es mittels ihrer Körper und ihrer Stimmen in einem Raum aufspannen – einem geteilten Raum, in dem eine Zeit lang Zuschauende und Akteure als Teilnehmende aufeinandertreffen. Durch die Erkundung des Raums, die Richtung der Aufmerksamkeit und das Einnehmen verschiedener Positionen im Raum, nimmt man zugleich Haltungen zum Geschehen ein und erfährt sich als (Mit-)Handelnde/r.
Was passiert dabei mit dem Text, der sooft als Dissoziation des Subjekts und Infragestellung eines identifizierenden Blicks gelesen wurde, wenn er in „ein[em] Raum zum Schauen“ (Lehmann) Gegenstand geteilter Erfahrung wird? Was zeichnet eine Situation aus, in der Müllers Text in seinen Uneindeutigkeiten ausgelotet wird während Zuschauende Subjekte und Objekte gegenseitiger Beobachtung werden? Das nahezu choreographische Balancieren, Zerlegen und Verschieben der Text/Bilder der BILDBESCHREIBUNG verknüpft sich mit einer körperlichen Erfahrung in einem gemeinsamen Klang-Raum: eine kollektive Erfahrung, die in der Vereinzelung gemacht wird – durch technische Apparatur verbunden und getrennt zugleich.
Es ist die Szene des Kollektivs, aber eines virtuellen und unendlich porösen Kollektivs. Immer wieder durchkreuzt von Linien, von Blicken geschnitten. Das Brüchige dieser Erfahrung – die Unterbrechungen von Wegen, Bewegungen und Sätzen – ist dabei keine eines Mangels, sondern der des Grund-losen als einziger Möglichkeit dieser Szene.
Kann ein kollektives Subjekt (jenseits der Gewalt der Reduktion, Gruppierung und Einordnung) die Willkür eines bürgerlichen Subjekts ablösen, aus der Geschlossenheit des Bildes austreten, ein anderes Sehen provozieren? Eine Lücke im Ablauf zu suchen, ein Feld „zwischen Blick und Blick“ zu ermessen bleibt damit im Raum ästhetischer Virtualität die zu rettende Hoffnung. Potential des Theater-Ereignisses wäre es, als Teilnehmende/r zwischen dem fremd gewordenen subjektiven Ich und einer Gemeinschaft der Gemeinschaftslosen in der Schwebe gehalten, zwischen der unumgänglichen Gewalt des identifizierenden Blicks und der unmöglich-möglichen Sprengung des Rahmens aufgespannt zu werden: von Blicken, Gesten und Stimmen affiziert, verstoßen und umschmeichelt zugleich.

Marcus Quent

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